Viel Luft nach oben – Corporate Venture Capital in Baden-Württemberg

19. Mai 2017

Google heißt jetzt Alphabet. Das ist nicht nur ein neuer Name, sondern macht vor allem deutlich: Gerade auf der Höhe des Erfolgs gilt es immer, sich neu zu erfinden.

G wie Google ist abgehakt, aber es bleiben noch 25 weitere Buchstaben für Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Wer so nicht denkt, dem droht das Erfolgsparadoxon: Das, was mich gestern und heute erfolgreich gemacht hat, ist die Ursache meines zukünftigen Scheiterns.

Etablierte und erfolgreiche Unternehmen müssen folglich kontinuierlich unternehmerisch denken und das Neue wagen. Dass dies nicht einfach ist, zeigt die praktische Erfahrung. Aus der umfangreichen Toolbox zur Vermeidung von Trägheit und ‚business as usual‘ sticht dabei ein Instrument besonders hervor: Corporate Venture Capital (CVC). Etablierte Unternehmen investieren in – hoffentlich – dynamische, marktverändernde Startups. Das tun sie nicht nur, um an deren finanziellem Erfolg teilzuhaben, sondern gerade auch, um Unternehmergeist, neue Technologien und Kompetenzen an sich zu binden.
Man sollte meinen, Baden-Württembergs Unternehmen hätten dies verstanden. Immerhin ist man hierzulande außerordentlich innovativ. Das hat beispielsweise das Länderranking der Deutschen Telekom Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie im Jahr 2013 gezeigt. Baden-Württemberg ist hier ganz klar Deutschlands Innovationsführer.

Der Blick auf aktive CVC-Gesellschaften zeichnet jedoch ein komplett anderes Bild. Baden-Württemberg liegt hier weit abgeschlagen hinter Bayern und Nordrhein-Westfalen, lediglich fünf etablierte Unternehmen unterhalten nach den Daten von Dow Jones Venture Source und Thomson Reuters VentureXpert aktuell CVC-Aktivitäten. Zwar ist das Interesse an Startups groß, wie zahlreiche Initiativen von Daimler oder auch EnBW (Stichwort: Innovationscampus) zeigen. Der letzte Schritt in Form von CVC wird oftmals jedoch nicht gegangen. Und nicht jeder hat  wie Bosch den nötigen langen Atem, um CVC nicht mit einem kurzfristigen Instrument zu verwechseln.

Gerade CVC bietet dabei eine außerordentliche Chance, nicht nur die etablierten Unternehmen zukunftsfähig zu machen, sondern auch die Startup-Szene des Landes weiter nach vorne zu bringen. Für Unternehmertum in Baden-Württemberg kann Berlin, über das aktuell so viel gesprochen und geschrieben wird, nur schwer als Rollenmodell dienen. Das sich entwickelnde Ecosystem für Entrepreneurship in Baden-Württemberg muss auf den Stärken des Landes aufbauen – die etablierte Wirtschaft sollte mit ihrem aufstrebenden Gegenpart wirksamer verschränkt werden. Mehr CVC wäre dabei unbestritten ein bedeutsamer Dynamiktreiber. Und diese Dynamik ist immer noch dringend nötig – auch wenn das Land innovativ ist, so liegt es im letzten verfügbaren Dynamikranking der Wirtschaftswoche aus dem Jahr 2012 abgeschlagen auf dem letzten Platz. Es gilt, sich neu zu erfinden und die Chancen zu nutzen. Dazu sind sicherlich nicht immer solche radikale Schritte nötig wie im Falle Alphabet. Der eine oder andere etablierte Spieler, der sich für die Idee des CVCs öffnet, wird aber sicherlich vonnöten sein.

- Univ.-Prof. Dr. Andreas Kuckertz, Universität Hohenheim

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